Wichtige Fragen und Antworten

In einer Kooperation mit der Südhang Klinik in Bern haben wir einige häufig gestellte Fragen über Alkoholismus zusammen gestellt und beantworten sie hier.

Bitte beachten Sie, dass die Antworten eine allenfalls nötige medizinische und psychologische Abklärung nicht aufheben! Die Antworten dienen dem Zweck, Ihr Verständnis für die gesundheitlichen Folgen von Alkohol-, Medikamenten- und Tabakmissbrauch aufzubauen und Ihr Bewusstsein zu sensibilisieren.

Kontaktieren Sie Ihren Hausarzt oder eine andere Fachperson oder uns, wenn Sie – oder ein Ihnen nahestehender Mensch – eine Suchterkrankung haben.



Was wird unter Sucht verstanden?

Das Wort „Sucht“ kommt nicht von „suchen“, sondern von „siech“, was soviel wie „krank“ bedeutet. Oft wird anstelle von „Sucht“ das Wort „Abhängigkeit“ gebraucht. Sucht kann an Substanzen wie z.B. Alkohol, Tabak, Cannabis, Medikamente oder Kokain gebunden sein. Sie kann aber auch unabhängig von Substanzen auftreten, wie in der Internetsucht, der Spiel-, Arbeits-, Kauf- oder Magersucht. Unter Sucht oder Abhängigkeit ist ein zwanghaftes Verhalten zu verstehen, mit dem man sich und oft auch anderen Schaden zufügt. Die Merkmale sind: Kontrollverlust, Toleranzbildung, Entzugserscheinungen, Wiederholungszwang und Abstinenzunfähigkeit.


Wann wird von Alkoholmissbrauch gesprochen?

Missbrauch von Alkohol liegt dann vor, wenn zu unpassender Gelegenheit (bei der Arbeit, beim Autofahren, bei Schwangerschaft), oder bis zum Rausch, oder langfristig über den empfohlenen Grenzwerten konsumiert wird. Die Grenzen zwischen „normalem“ Trinken, missbräuchlichem Trinken, schädlichem Trinken und süchtigem Trinken sind fliessend.


Wie viel Alkohol ist unbedenklich?

In der Schweiz gelten folgende Richtwerte, welche zum Schutze der physischen Gesundheit nicht überschritten werden sollen: Männer: Höchstens 3 Standardgetränke pro Tag, ausnahmsweise 4 Getränke pro Tag auf mehrere Stunden verteilt. Frauen: Weniger als 2 Standardgetränke pro Tag, ausnahmsweise weniger als 4 Getränke pro Tag auf mehrere Stunden verteilt. 1 Standardgetränk (= ca. 12 g reiner Alkohol) entspricht: - 3 dl Bier - 1 dl Wein - 2 cl Spirituosen


Ist Abhängigkeit erblich?

Eine Abhängigkeitserkrankung ist bestimmt nicht so eindeutig vererbbar wie die Augenfarbe oder verschiedene Erbkrankheiten. Aber es gibt Hinweise darauf, dass nicht alle Organismen gleichermassen auf Alkohol reagieren und dass gewisse Empfindlichkeiten vererbt sein können. Es ist aber auch die „soziale Vererbung“ zu bedenken: Kinder in alkoholbelasteten Familien sind einem 4-6 Mal grösseren Risiko als andere Kinder ausgesetzt, selber suchtmittelabhängig zu werden.


Woran erkenne ich, ob jemand ein Alkoholproblem hat?

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass sich eine Suchterkrankung bloss an der Menge und Häufigkeit des Konsums erkennen lässt. Wer abhängig ist, verspürt ein starkes Verlangen nach Alkohol, hat die Kontrolle über den Alkoholgebrauch verloren und setzt den Alkoholkonsum trotz eindeutig schädlicher Folgen fort. Die abhängige Person vernachlässigt andere Interessen, muss immer mehr konsumieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen und verspürt körperliche Entzugssymptome, wenn der Alkoholkonsum reduziert oder abgesetzt wird. Diese Kriterien sind in der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD10) festgelegt.


Welche Ursachen gibt es für die Entstehung der Abhängigkeit?

Es gibt keine eindeutigen und einheitlichen Ursachen für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit. Es ist wichtig festzustellen, dass es sich dabei um eine Krankheit und nicht um die Folge von charakterlichen Mängeln handelt. Neben möglichen genetischen und sozialen Dispositionen können bestimmte Eigenschaften die Entwicklung einer Sucht begünstigen: Tendenz zur Problemvermeidung, Selbstunsicherheit, Hemmungen, Unselbständigkeit, ungenügende Frustrationstoleranz, zu geringe oder zu starke Selbstkontrolle, Gefühlsverdrängungen, etc. Auch die Lebensumstände können zu einer Suchtgefährdung beitragen: Arbeitslosigkeit, fehlende Lehrstellen, zu hoher Leistungsdruck, fehlende Freiräume, Umweltbelastungen oder sexuelle Übergriffe sind dafür nur einige Beispiele.


Welche sozialen und familiären Folgen verursacht die Abhängigkeit?

Die Folgen können sehr gravierend sein: gestörte Beziehungen zu den Mitmenschen, Abnahme des Verantwortungsgefühls, Scheidung, Abbruch der Beziehung zur Familie und den eigenen Kindern, vermehrte Unfälle, Führerscheinentzug, Verlust der Arbeitsstelle und der Wohnung, gesellschaftlicher Abstieg.


Was bedeutet „Co-Abhängigkeit“?

Angehörige haben oft ein Verhalten entwickelt, das unabsichtlich die Sucht aufrechterhält, auch wenn sie eigentlich das Gegenteil bezwecken wollen. Mit Co-Abhängigkeit werden Verhaltensweisen von Bezugspersonen oder von einem Bezugssystem (Familie) beschrieben, die das Sucht-Verhalten der abhängigen Person unbewusst unterstützen und damit eine rechtzeitige Therapie verhindern. Co-abhängiges Verhalten ist z.B.: Verantwortung für den anderen übernehmen, Belastungen abnehmen, sein Verhalten entschuldigen oder rechtfertigen, kontrollieren und Vorwürfe machen. Die Stadien des Co-Verhaltens sind: Beschützen, Entschuldigen, Kontrollieren, Anklagen. Betroffene leiden oft sehr unter ihrer Co-Abhängigkeit und entwickeln häufig psychosomatische Beschwerden oder psychiatrische Störungen, wie z.B. eine Depression. Schuld- und Schamgefühle führen zu sozialem Rückzug; Freundschaften werden nicht mehr gepflegt.


Warum enttäuschen Abhängige so oft ihre Angehörigen?

Eine Abhängigkeitserkrankung ist keine Frage des schwachen Willens. Dies wird oft selbst von den Betroffenen lange nicht erkannt. Die Aufforderung an einen Alkoholabhängigen, seinen Konsum zu stoppen oder zu mässigen, gleicht dem Anspruch an einen Depressiven, endlich wieder fröhlich zu sein. Der Alkoholabhängige verstrickt sich und seine Umgebung solange in Täuschungen und Enttäuschungen, bis er Hilfe anzunehmen und diese zu nützen weiss. Den Angehörigen wird empfohlen, sich nicht zu sehr um den Betroffenen, sondern vielmehr um sich selbst zu sorgen.


Was kann man tun?

Einen Partner oder eine Partnerin, einen Menschen der einem nahe steht zu haben, der ein Alkoholproblem hat, ist eine schwere Belastung. Auch wenn der Betroffene selbst keine Hilfe annehmen will, sollten sich die Bezugspersonen selbst Unterstützung holen. Solche Hilfe gibt unter dem Link Anlaufstellen. Auch Jugendberatungsstellen der Gemeinde oder Contact-Beratungsstellen bieten Beratungen an. Die Fachleute können Wege herausfinden, wie sich Angehörige, Freunde usw. schützen, wie sie mit dem/der Betroffenen reden können oder wie er/sie vielleicht sogar dazu zu bringen ist, gemeinsam eine Beratung aufzusuchen.


Wie hoch sind die Erfolgsquoten von Suchttherapien?

Alkoholabhängigkeit ist eine Rückfallkrankheit, bei der nicht bloss die lebenslange Abstinenz als Therapieerfolg gelten darf. Ein verminderter Konsum oder die Fähigkeit, einen Rückfall frühzeitig zu stoppen sowie verbesserte Lebensbedingungen und eine verbesserte physische und psychische Gesundheit dürfen ebenso als Forschritte bewertet werden. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass jemand sein geändertes Verhalten dann beibehält, wenn er es als sinnvoll erlebt und Vorteile davon hat, von Aussen unterstützt wird und in stabilen Umständen lebt. Deshalb sind die sozialen und beruflichen Situationen für einen Therapieerfolg von grosser Bedeutung. Auch die regelmässige Nachsorge bei einer ambulanten Suchtberatungsstelle kann entscheidend für eine stabile Situation sein.


Weshalb ist der Einbezug der Angehörigen in die Therapie wichtig?

Eine Abhängigkeitserkrankung beeinträchtigt nicht nur die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen, sondern auch ihr soziales Leben und somit das gesamte System, in dem sie sich bewegen. Durch den Einbezug der Angehörigen in die Therapie werden in der Regel mehrere Ziele verfolgt: In einer offenen Aussprache soll Geschehens verarbeitet werden können; der Umgang mit wiederkehrenden schwierigen Situationen und Gefühlen wie Angst, Ärger und Trauer soll besprochen werden; das Vorbeugen und das Reagieren auf erfolgte Rückfälle soll festgelegt werden; gemeinsame Visionen für das weitere Zusammenleben sollen entwickelt werden.


Was bedeutet „Kontrolliertes Trinken“?

Unter «Kontrolliertem Trinken» versteht man die Orientierung an einem im Voraus erstellten Plan und dazugehörigen Regeln hinsichtlich des Alkoholkonsums. Die Anzahl alkoholfreier Tage, die maximale Konsummenge an Trinktagen sowie der maximale Gesamtkonsum in der ganzen Woche werden in der Regel im Voraus festgelegt. Dazu müssen auch die Begleitbedingungen bedacht werden: Ab welcher Zeit und wo trinke ich, wer ist dabei und wer nicht («Trinkkumpane»)? Das Trinktempo (1-2 Gläser pro Stunde) und die Stimmung («nicht in depressiver Stimmung») sollen festgelegt werden.


Kann ein ehemals Alkoholabhängiger auch kontrolliert Trinken?

Oft wird behauptet, dass ein ehemals Alkoholabhängiger nicht zu einem normalen Trinkmuster zurückkehren könne. In dieser Radikalität ist diese Behauptung nachweislich falsch. Sowohl versorgungspolitische Gesichtspunkte (Erreichen auch der Patientengruppe, die - begrenzt - weiter trinken will) als auch therapeutische Argumente (hauptsächlich von der betroffenen Person selbst festgelegte Ziele werden von ihr auch erreicht) sprechen dafür, das Modell des Kontrollierten Trinkens zu kennen und anzuwenden. Dieses ist in vielen Suchtfachstellen schon seit Jahren verankert. Die Beratung und Begleitung sollte über einen längeren Zeitraum gehen, es existieren sowohl ambulante Einzel- als auch Gruppenprogramme.


Hört das Verlangen nach Alkohol nie auf?

Veränderungen geschehen gewöhnlich in drei Schritten: 1. Änderung des Denkens / 2. Änderung des Handelns / 3. Änderung des Gefühls. Nach dem Entschluss zur Abstinenz und noch sehr lange nach dessen Umsetzung bleibt also das Gefühl zurück, dass mit dem Verzicht auf Alkohol etwas fehlt. Es gilt also auch nach monate- und jahrelanger Abstinenz, bei einem Verlangen nach dem Suchtmittel die eingeübten Kontrollmechanismen nicht zu vernachlässigen.

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